Musik & Tanz - wortlos und doch ausdrucksstark

Eine Kurzgeschichte über zwei ganz besondere Sprachen

geschrieben aus meiner tiefen Liebe zu diesen wundervollen Ausdrucksweisen

Licht aus…

Stille…

Spot on…

 

Ein Lichtkegel fällt überraschend von oben herab, zieht Blicke auf einen einsamen Punkt im Raum.

Leere, Nichts, Erwartung, Aufregung? Was wird geschehen? Was verheißt dieser Moment, was verspricht er? Neugierde…

 

Und da, leise schleicht sich der Klang einer Geige in den Raum, spielt eine zarte Melodie, als würde von Weitem, kaum sichtbar, eine Gestalt den Raum betreten. Neugierige Augenpaare suchen nach etwas Erkennbarem in diesem von Dunkelheit gerahmten Scheinwerferfeld.

 

Die zarten Töne der Geige spielen wie morgendliche erste Sonnenstrahlen, die den Tag dezent erhellen. Langsam werden sie lauter, getragen von einem sich wiederholenden Rhythmus der sich einhakt in die Wahrnehmung der Zuschauer, den von Takt zu Takt zunehmend jeder Körper spürt. Als würde ein Maler kunstvolle Muster in den Morgen malen, aus dem Grau der Nacht heraus, die von der verträumten Melodie in Pastelltönen gefärbt werden.  Selbst die Staubkörner im Lichtkegel beginnen scheinbar zu tanzen. Musik bewegt sie, bewegt die Herzen, Zellen werden wach. Noch immer scheint der Lichtkegel grundlos die Bühne zu erhellen.

 

Fast schon reicht aber dieser Moment um zu verharren, zu träumen, zu gleiten in eine fantastische Welt aus leisen Klängen und einer, der Gleichmäßigkeit eines Herzschlages gleichenden, Rhythmik. Als tanze ein Geigenmädchen mit Blumen im Haar unbeschwert durch die Lüfte, getragen von innerem Gleichmut und doch kindlicher Leichtfüßigkeit.

 

Nun wieder ganz leise, schleicht sich ein leiser dumpfer Trommelschlag ins Bild der zarten Musik. Als käme ein fremder Jüngling wie aus dem Nichts. Es ist, als würde diese feinfühlige Perkussion den zarten Geigenklängen Halt geben Als würde jeder Trommelschlag die empfindsamen Bewegungen des zauberhaften Geigenwesens vertiefen.

 

Die Musik beider Instrumente scheint sich zu verbinden und die vielen Ohren im Raum lauschen diesem innigen Spiel zweier Instrumente.

 

Fast unauffällig beginnt ein Cello zu erklingen, dezent aber doch unglaublich präsent, als schleiche es sich voller Wärme in die wunderbare Musik hinein, als käme es von einer geheimen Hintertür ganz unauffällig in den Raum, nur um leise anwesend zu sein. Ohne sie zu verdrängen, füllt es die Lücken zwischen den perkussiven Trommelschlägen. Alles verschmilzt in den vielen Ohren verzauberter Zuhörer, die von Klang umgeben sind und zugleich im Inneren davon erfüllt.

 

Und als würde diese Symphonie aus Saitenklängen und rhythmischen Schlägen nicht schon jeden der Zuhörer in eine Fantasiewelt aus Klängen tragen, schickt von einer Seite des Raumes nun ein Klavier einzelne kleine Töne in den Raum. Immer wieder wartet es geduldig auf eine Antwort. Und tatsächlich ertönt von der anderen Seite eine Flöte. Zarte Klänge beantworten scheinbar noch vorsichtig die Töne des Klaviers. Während die harmonische Musik weiterspielt, entsteht zunehmend eine freudige Unterhaltung zwischen dem inzwischen lebhaften Klavier und der witzigen und humorvollen Flöte.

 

Die Musik durchströmt den Raum, erreicht alle schweigenden Zuhörer. Da sitzen ganz still Menschen, die sich bewegt fühlen, weil die Musik in ihren Körper kriecht und sie mitreißt. Was ist es nur, was der Musik innewohnt? Ansteckend, hoch brisant, voller Energie, voller Gefühl, nahbar und doch nicht greifbar? Ein Gespräch zwischen Instrumenten, in dem jeder zu Wort kommt, in dem jeder seine Geschichte erzählen darf.

 

Aber Moment, kann denn Musik Geschichten erzählen? Können sich denn Klavier und Flöte verstehen? Kann eine Geige wie ein zartes Mädchen und eine Trommel wie ein charmanter Jüngling miteinander tanzen? Natürlich, sie können. Die staunenden Zuhörer wissen davon, sie verstehen die Geschichte, wenngleich sie in jeder Fantasie eine andere ist. Wie wunderbar es wäre, diese sichtbar zu machen. Welch helle und wundersame Bilder, welch bunte und strahlende Gemälde könnten daraus entstehen.

Aber Moment, da war doch der Lichtkegel. Warum führt er unsere Blicke in den Raum, hin wo nichts ist. Warum füllt sich der erleuchtete Raum nicht mit Sichtbarem, Greifbarem?

 

Plötzlich, als würden alle Instrumente gleichzeitig, wie abgesprochen, innehalten…

 

Stille, …

 

Wieder nur die tanzenden Staubkörnchen in der Luft, das Flirren der vom Scheinwerfer erhitzten Luft. Wieder diese von Ungeduld und Neugierde besetzte Spannung, was wird im nächsten Moment geschehen?

 

Doch da, ein Fuß mit einem glänzenden Schuh schiebt sich zwischen zwei schweren Vorhängen hindurch, als würde er unsicher nach festem Boden suchen. Fingerspitzen folgen ihm in der Luft, als wollten sie vorsichtig ertasten, was im Raum zu erfühlen ist. Langsam, von fast nicht wahrnehmbaren  Bewegungen, strecken sich nun alle Finger aus.

 

Und plötzlich… Licht aus… einen Raunen geht durch das erschrockene Publikum. Was nun? Wo doch endlich etwas zu sehen war. Doch alle schweigen und lauschen konzentriert, da die Dunkelheit etwas zu erblicken unmöglich macht. Leises Rascheln, leise Schritte, fast wie das Tapsen einer Katze.

 

Und wieder beginnt die Geige leise zu spielen und zugleich ein warmes Licht wie beim morgendlichen Sonnenaufgang die Dunkelheit in den Tag zu verwandeln. Die Augen weit offen, voller Neugierde auf die Bühne gerichtet, sitzen Zuschauer wie gebannt.  

 

Inmitten der Bühne hockt in einem dezent glänzende, schlichten aber strahlend hellen Kleid eine Tänzerin, die sich mit den lauter werdenden Geigenklängen wie eine zarte Blüte entfaltet, aufrichtet, als würde sie sich der Sonne entgegen strecken. Mit Grazie und Bescheidenheit schmiegt sie sich in die wunderbaren Geigenklänge und bewegt sich in gleitenden Bewegungen immer größer werdend. Staunende Augen verfolgen die Tänzerin, Spannung ist in jeder Bewegung zu sehen, ihre Präsenz bis in die Fingerspitzen zu erspüren. Und dennoch strahlt sie eine Weichheit aus, die wärmend wirkt.

 

Noch verzaubert von der natürlichen Schönheit ihrer Bewegungen, kommt wieder die Trommel ins Spiel. Und als hätte die Fantasie der Musik Flügel bekommen, erscheint ein junger Mann auf der Bühne, stolz, schön, spürbar seine Stärke, spürbar aber auch seine Bewunderung für die zarte Blüte auf der Bühne, die sich nun wiegt im Rhythmus der Trommel. In seinem schwarzen Anzug wirkt er wie der natürliche Gegensatz zu ihrem zarten Pastell und ihrem hellen Strahlen. Er umwirbt sie, fordert sie mit eine kleinen Verneigung und ausgestreckter Hand zum Tanz.

 

Es folgt ein kurzer Moment des Innehaltens im Tanz und auch die Musik scheint den Atem anzuhalten, als sie ihre zarte Hand in die Seine legt. Ihre Blicke treffen sich und das Publikum spürt, dass diese beiden keine Worte brauchen.

 

Die Musik setzt wieder ein und in harmonischen Bewegungen beginnen die beiden Menschen mit ihren Körpern die Musik sichtbar zu machen. Inzwischen ist auch das Cello wieder in den Raum geschlichen und was auch immer die Instrumente singen, zeigen die beiden Tänzer mit ihren Körpern. Sichtbar wird die Melancholie der Töne in Moll, sichtbar wird die Wildheit der lebhaften Takte, sichtbar wird die unglaubliche Präsenz und Achtsamkeit zarter Langsamkeit, sichtbar aber auch die Energie der lauten Heftigkeit.

Als würde ein Dirigent die Musiker anleiten, wechseln sich kunstvoll all diese Emotionen in der mitreißenden Musik ab und als gäbe eine unsichtbare Kraft die Regieanweisungen, verwandeln die schweigend miteinander sprechenden Körper diese Emotionen ins Sichtbare.

 

Auch als das Klavier und die Flöte erneut mit ihrem Gespräch beginnen, können die staunenden Zuschauer die klangvolle Unterhaltung mit ihren Augen verfolgen. Die Tänzer unterhalten sich neugierig, wie am Anfang einer Begegnung, dann wieder streiten sie sich energisch, wie in Zeiten des Unfriedens, um dann wieder in zarter und vergebender Weise einander von Herzenswärme zu erzählen. Nicht nur die Körper der Tänzer vertiefen das zu hörende Gespräch. Zu sehen sind all die Gedanken, Gefühle und Emotionen, die die Musik hörbar verkörpert. Selbst in den Blicken der Tänzer, in den kleinsten Bewegungen der Mundwinkel ist zu sehen, wie authentisch die Tänzer die Musik ausdrücken. Kraftvoller Fäuste, die in die Luft schlagen, stampfenden Füßen, die den Boden erschüttern, kleinen Lachfalten um die Augen, die von Freude sprechen, glitzernde Blicke, die verspielt  verführen, aufrechte Körper die stolz ihren Standpunkt verteidigen, fliegende Haare, die von Wirbeln und Sturm aber auch Leichtigkeit zeugen, anschmiegsame Weichheit, die die Herzen des Publikums öffnen, wütende Blicke und kampfbereite Spannung in den Körpern und dann wieder kindlich verspielte Freudensprünge, Zusammensinken in vertanzter Traurigkeit und erneutes Aufrichten, wie bei einer Berg- und Talfahrt im Leben.

 

Ist es nicht ein Genuss, dieses Verschmelzen zu verfolgen? Ist es nicht ein Wunder, wie all diese Szenen ohne Worte auskommen? Ist es nicht ein Zauber, der diesem Moment innewohnt?

 

Wie können Klänge, die nur eine Schwingung in bestimmten Frequenzbereichen sind, so tiefe Gefühle in uns auslösen, unsere Zellen so in Bewegung versetzen, dass wir fühlen können, was sie bedeuten? Wie kann eine sichtbare Bewegung, selbst ein sichtbares Innehalten, welches wir nur mit den Augen wahrnehmen, ein so tiefes Verständnis in uns auslösen, dass wir uns mit ihnen identifizieren können für einen Moment. Es sind nur Farben und Bewegungen, die wir wahrnehmen, vielleicht auch nur Strahlen eines bestimmten Spektrums, welches unser Auge unserer klugen Sinneszentrale meldet.

 

Ich bin überzeugt, dass es mehr gibt, als diese messbaren, physikalischen Werte, mehr als nur die reine Materie, mehr als rein kognitive Prozesse. Es kann Zauber in der Luft liegen, wenn wir achtsam andere Menschen beobachten, z.B. ein sich küssendes Brautpaar oder ein kleines neugeborenes Lebewesen. Es liegt Furcht in der Luft, wenn wir aggressive Mimik und Gestik wahrnehmen. Es kann zu Tränen rühren, wenn eine kleine Melodie erklingt, es kann zu wilder Lust verführen, wenn eine Trommel uns in tranceartigem Rhythmus versetzt.

 

Ich kann mich nicht entscheiden, konnte es nie. Ob Musik oder Tanz, alles hat für mich eine starke Kraft und unglaubliche Potentiale. Ich glaubte immer, mich entscheiden zu müssen, welches Instrument ich am meisten liebe, ob ich lieber Musik hören oder selbst musizieren will, ob ich nach klaren Vorgaben Tanzschritte üben oder doch nur frei und nach meiner Art tanzen will. Ich glaubte immer, mich entscheiden zu müssen, zwischen Geschichten, die es zu erzählen gibt und dem Schweigen, weil es vielleicht keinen interessiert, zwischen Ausdruck von Wünschen und Träumen, die aus meinem Inneren kommen und den Gegebenheiten meiner reellen Umwelt, zwischen authentischem Zeigen von Emotionen und Gefühlen und der Fassade, die uns wohl schützen soll. Doch heute weiß ich, alles ist in Musik und Tanz möglich, ja sogar wichtig. Diese Sprachen sind die authentischsten und natürlichsten Sprachen, die ich kennenlernen durfte, sie sind die schönste Art und Weise, sich zu unterhalten und die sicherste Weise, sich zu verstehen und zu verbinden. Denn sie packen ihre Botschaften nicht in Worte, die einer Übersetzung in Gefühle bedürfen. Sie sind einfach, wie sie sind.  

 

Lauscht, hört hin, schaut euch achtsam um, lasst Euch erreichen, lasst Euch berühren, …

… Und tanzt …

 

Anja Krafczyk – KlangRaum & Creative Bodywork